Jeder spricht darüber, wir haben die Zahlen dazu. Es geht um die Digitalisierung der Energiebranche. Obwohl der Digitalisierungsindex 2020 besagt, dass die digitale Transformation im Mittelstand so langsam angekommen ist, hinkt die Energiebranche noch immer hinterher.
Wir haben aus aktuellen Studien zusammengefasst, um uns ein Bild zu machen und die Ergebnisse sind durchwachsen.

Es kommt auf die Prozesse an

Dr. Marcus Eul, Leiter Digitalisierung der Energiewirtschaft bei der PwC Strategy& (Deutschland) GmbH, erzählt uns im Gespräch, dass man Digitalisierung aus drei Blickwinkeln betrachten muss:

1. Business Operations
2. Kundenschnittstellen
3. Digitale Produkte und Geschäftsmodelle

Eul ist führender Praktiker in der Versorgungswirtschaft in Deutschland, der Schweiz und Österreich und bestätigt, dass sich Unternehmen der Energiebranche noch schwer tun in Sachen Digitalisierung.

Dabei wissen EVU und Installateure inzwischen, dass die Kunden sich einen möglichst digitalen Energie-Gesamtdienstleister wünschen. Wenn man aber über digitale Kundenschnittstellen spricht, besteht laut Eul trotz einiger Positivbeispiele noch Nachholbedarf. Insbesondere die Integration digitaler Portale mit der “Legacy IT Architektur” bereitet den Unternehmen Kopfschmerzen.

Einfluss von Corona auf die Digitalisierung

Laut des Digitalisierungsindex 2021 haben 34 Prozent der mittelständischen Unternehmen aufgrund der durch Corona ausgelösten Beschränkungen kurzfristig wichtige Prozesse digitalisiert. Innerhalb der Energiebranche sieht Marcus Eul diese Weiterentwicklung eher nicht, wie er in seiner täglichen Arbeit als Digital-Berater feststellen konnte.

Die Stadtwerkestudie 2020 allerdings besagt, dass für 79 Prozent der Energieversorgungsunternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz dem Thema Digitalisierung in den kommenden drei Jahren eine besondere Bedeutung zukommen wird. 77 Prozent der EVU planen bereits eine Digitalstrategie (Digital@EVU, 2020).

Auch hier greift allerdings Euls Hinweis nach Unterscheidung der Prozessarten, denn ganz vorn stehen digitale Geschäftsmodelle und Produkte. Kundenschnittstellen und Vertrieb bleiben meist außen vor.

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Digital Operations Reife, Quelle: Digital Operations study for energy (2019)

Nur 2 % der Energieversorger sind Digital Champions

Betrachtet man den hohen Zuspruch in Bezug auf die Digitalisierung, auch innerhalb der Energiebranche, dann sei oft auch von einem falschen Verständnis die Rede. So führen laut Eul viele Unternehmen neue Tools zum Thema Backoffice und Finance ein und bezeichnen sich dann fälschlicherweise als komplett digitalisiertes Unternehmen. Oft werden auch White-Label-Produkte genutzt, die nicht durch Schnittstellen mit operativen Systemen verbunden sind.

In seiner Studie von 2019 “Digital Operations study for energy” spricht er von nur zwei Prozent Digital Champions (führend bzgl. Digitalisierung) innerhalb der Energiebranche. In der gesamten Umfrage haben große Unternehmen (mehr als 5.000 Mitarbeiter) und mittelständische Unternehmen (zwischen 1.000 und 5.000 Mitarbeitern) die meisten Digital Champions hervorgebracht, deutlich vor kleinen Unternehmen mit weniger als 1.000 Mitarbeitern.

Die Studie um Marcus Eul besagt dabei ganz klar, dass die Strategien der EVU neue Technologien und die intelligente Implementierung digitaler Systeme und Prozesse beinhalten muss, wenn sie sich den neuen geschäftlichen Anforderungen und Bedrohungen der Branche stellen wollen.

Die am häufigsten digitalisierten Funktionen sind aktuell Unterstützungsprozesse wie z. B. Finanzen und Marketing. Weniger häufig sind Kernaktivitäten betroffen, die zu einer echten Verbesserung der Gewinnspannen und der Effizienz führen könnten, wie z. B. die Daten-Übertragung, Handel und Vertrieb.

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Implementierungspotenzial neuer Technologien, Quelle: Digital Operations study for energy (2019)

Digitale Reife erreichen – Aber wie?

Nur 27 Prozent der Führungskräfte von Versorgungsunternehmen beschreiben ihr Unternehmen als innovativ und nur 34 Prozent gaben an, dass ihr Unternehmen flache Hierarchien habe, die agiles Arbeiten und schnelle Entscheidungen ermöglichen (Digital Operations study for energy, 2019). Außerdem sind nur 18 Prozent der EVU zufrieden mit ihrem Stand der Digitalisierung (Digital@EVU, 2020).

Das geht besser, sagt auch Marcus Eul und hat in seiner Studie fünf Schritte zur digitalen Transformation in der Versorgungsbranche zusammengefasst:

1. Definieren einer durchgängigen digitalen Transformationsstrategie auf der Basis von strategischen Pfeilern, differenzierenden Fähigkeiten und (zukünftigen) Kundenbedürfnissen
2. Entwicklung von Fähigkeiten zur Unterstützung der Einführung neuer digitaler Technologien und neuer Geschäftskanäle (z. B. Dienstleistungsangebote in kleinem Maßstab, um neue Kundenherausforderungen zu bewältigen)
3. Identifizierung digitaler Technologien, die erforderlich sind, um verschiedene neue Geschäftsmodelle voranzutreiben, und Integration der erforderlichen Prozesse und Systeme, um nahtlose Kundeninteraktionen zu ermöglichen
4. Partner in den Betrieb integrieren, die helfen, über den Tellerrand zu schauen und die bevorzugten digitalen Technologien zu entwickeln
5. Ein agiles Team schaffen, das Aktualisierung und Entwicklung neuer digitaler Prozesse und Innovationen vorantreibt

Fazit: Beginnen

Die Herausforderungen, vor denen Energieversorger und Installateure stehen, sind deutlich: neben dem sich änderten Geschäftsfeld, neuen Produkten und dezentraler Versorgung, gehört auch die umdenkende Konkurrenz dazu. Wer die Kunden erreichen möchte, muss deren Wunsch nach einem digitalen Energie-Gesamtdienstleister gerecht werden. Zur digitalen Transformation gehören deshalb vor allem auch Vertriebsprozesse und Kundenschnittstellen. Mit den fünf Schritten von Marcus Eul, können Sie die digitale Transformation direkt angehen.

Aber wie beginnen?
Auch hierfür gibt der Berater in Sachen Digitalisierung drei Ansätze mit auf den Weg:

1. Priorisieren und fokussieren Sie
2. Setzen Sie ausgeprägte digitale Fähigkeiten ein
3. Bilden Sie bei Bedarf Partnerschaften oder Joint Ventures

Wir wünschen viel Erfolg!

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Bettina Enser

Bettina Enser ist die Verantwortliche für Marketing und Kommunikation bei der Eturnity AG. Sie liefert Einblicke in Themen rund um die Vermarktung von Erneuerbaren Energiesystemen. Bei Fragen zum Beitrag wenden Sie sich an bettina.enser@eturnity.ch